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Lange Zeit wurde das europäische Projekt für eine selbstverständliche Entwicklung gehalten, die überwiegend Vorteile für alle Beteiligten generierte. Die Abfolge von schweren Krisen, die den Kontinent seit einer Dekade bewegen, bringt dieses Projekt erstmals in ernste Gefahr. Der Brexit könnte das gesamte Bündnis nachhaltig schwächen.
Die gegenwärtige Situation ist mit Problemen derart negativ beladen, dass ein positives Zeichen aktuell notwendig erscheint. Europa mangelt es an Sichtbarkeit, an öffentlicher Präsenz und positiver Resonanz. Die Kontinuität und Beständigkeit der europäischen Idee sind existenziell, besonders über diese schwierige Phase hinweg.

Dies ist der Hintergrund für eine Licht-Installation, an der Fassade von ST. AGNES in Kreuzberg, die der mangelnden Sichtbarkeit und Präsenz ein Statement für Europa entgegensetzt. Das Projekt von morePlatz schlägt vor, EUROPA als Schriftzug aus 33 Leuchtstoffröhren an der östlichen Fassade von ST. AGNES zu installieren. Die Installation soll ab Herbst 2016 für ein halbes Jahr dort leuchten, und kann in der Folge an andere Orte umgezogen werden.

Das Gebäude der ehemaligen ST. AGNES Kirche ist mit seiner selbstbewussten Ausstrahlung Teil der Installation, quasi als Zeuge und Träger der europäischen Idee. Das Gebäude wurde 2015 umgebaut und wird seitdem als Ausstellungsräume der KÖNIG GALERIE genutzt, die das Projekt unterstützt.

Die gut sichtbare Installation soll als Zeichen und statement im öffentlichen Raum wirken. EUROPA steht für die gemeinsamen Werte der Europäischen Gemeinschaft, für eine freie Gesellschaft und friedliches Zusammenleben, mithin für all die Errungenschaften, die oft nur unbewusst oder als selbstverständlich wahrgenommen werden.

Der ‚alte' Kontinent hat innerhalb der letzten Jahrhunderte eine Entwicklung durchlaufen, die die Lebensbedingungen der Menschen verbessert hat. Demokratie, Menschenrechte, Rechts- und Sozialstaat, Freizügigkeit – alles beruht auf einer mehr oder weniger kontinuierlichen Entwicklung, die die vergangenen Generationen bedacht, erkämpft und aufgebaut haben.

 

 

Eine der grössten Errungenschaften nach den zwei Weltkriegen war das Beenden von alten Feindschaften, Territorialansprüchen und geopolitischen Expansionen der einzelnen Nationen und des Nationalismus als Ideologie. Deutschland als damaliger Aggressor nimmt hierbei eine besondere Rolle ein. Das Respektieren der gegenseitigen Grenzen war die Voraussetzung dafür diese zu überwinden.

Der kontinuierliche wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegsjahrzehnte ermöglichte die stabile Periode von Wachstum und Prosperität der ‚Golden Generation', die bis zum Ende des Jahrhunderts andauerte. Die Abfolge der Krisen des neuen Millenniums hat diesem Aufwärtstrend ein Ende gesetzt. Obwohl diese Krisen nicht ihren Ursprung nur in Europa haben, macht eine wachsende Anzahl der Bevölkerung die EU dafür verantwortlich und schieben ihr, teils aus mangelndem Verständnis oder Kenntnis der Zusammenhänge, die Schuld in die Schuhe. Der europaweite ‚Rechtsruck' ist die Folge. Dies ist eine gefährliche Entwicklung. Populisten profitieren von dem Irrglauben, dass ein Rückzug in die nationalen Grenzen die aktuellen Probleme lösen kann.

 

 

Im Zeitalter der Digitalisierung und der globalen Vernetzung ist es nicht möglich, die Uhr zurück zu drehen. Menschen, die nicht in der Lage oder willens sind, über ihre eigene Situation hinaus zu sehen, muss die Angst vor dem ‚Fremden' genommen werden. Europa muss sich auf seine Stärken besinnen und sich seiner Vorteile wieder gewahr werden. Wer einmal einen längeren Zeitraum in einem anderen Kontinent zum Beispiel Asien oder Afrika gelebt hat, kann die Gemeinsamkeiten der Europäer besser als ihre Unterschiede erkennen.

Die gemeinsame Europäische Identität ist noch unterentwickelt. Aber genau sie ist es, die eine Zukunft für die Europäische Union garantieren kann.

Dazu müssten die Bedingungen für Menschen, die Europa als zusammenhängenden Lebensraum nutzen, die die nationalen Grenzen überschreiten und den grösseren Zusammenhang als Vorteil erkennen können, verbessert werden.

 

 

Menschen, die die europäische Freizügigkeit real nutzen und ihre Lebensläufe in unterschiedlichen Ländern verbringen, brauchen zum Beispiel einen europäischen Mobilfunkvertrag, eine europäische Krankenversicherung, eine europäische Altersvorsorge, eine europäische Bank und Kontonummer, ein europäisches Autokennzeichen, eine europäische Handelskammer etc.. Diese Dinge werden teilweise schon angedacht und sind in jedem Fall einfacher zu realisieren als eine europäische Staatsbürgerschaft, oder ein europäisches Steuersystem, von einer Europäischen Republik ganz zu schweigen. Die Barrieren, die vor allem durch die verschiedenen Sprachen entstehen, sind evident und die Komplexität des Europäischen Projekts ist enorm.

Sobald man Europa sagt, klingt immer der Hintergrund dieser komplexen Zusammenhänge und vielschichtigen Probleme mit - dieser Klang enthält jedoch auch die ganze Geschichte und das Versprechen eines Gelingens.

Die Installation 'EUROPA' als Statement ist so simpel, wie eine Lichtreklame, wie Werbung für eine Marke, die keiner Rechtfertigung bedarf, die jeder haben will.

Die Eröffnungsfeier der Installation fand am 26.11 um 18.00 Uhr in der Alexandrinenstrasse 118-121 statt.
Kurator und Publizist Lukas Feireiss hielt zur Eröffnung eine Rede.

Das Projekt entstand aus Initiative von morePlatz und ist im Herbst 2016 realisiert worden. Um das zu erreichen, wurde die Finanzierung der Installation selbst organisiert.
Über eine Patenschaft besteht die Möglichkeit aktiv an der Realisierung der Installation mitzuwirken.
Die dreiunddreissig Neonleuchten stehen stellvertretend für 33 Paten, die die Idee unterstützen.
Die Namen der Projektteilnehmer sind auf der gut sichtbaren Infotafel am Eingang der Galerie eingraviert und wurden während der Eröffnungsfeier vorgestellt.

Die Installation an der ST. AGNES Kirche ist temporär.
Nach einem halben Jahr wird sie demontiert am Bühnenturm der Komischen Oper Berlin wieder aufgebaut werden. Die Eröffnung wird am Europatag, dem 9. Mai um 19.30 Uhr stattfinden.
Weitere Stationen an relevanten Gebäuden sind geplant.

mit freundlicher Unterstützung von:


Marc Feustel, Nicola Borgmann, Architekturgalerie München,
Peter Scheller, Palais Mai, Kerria Wittenberg, Martin Schnitzer, Rabes + Möntmann, Ernst Baumann, Matthias Werner, Matthias Castorph / Goetz Castorph, Judith Schele Weise, Ruben Dario Kleimeer, Rene Rissland, Allard van der Hoek + Marit Vos, MVRDV, KCAP Architects&Planners, Wilhelm Koch www.europa-tempel.de, Antony Gross / Gapp Architekten, Frank Thiele / Factor Product, Angelika Maria Fink / Pathos Theater, Andrea Kyre & Max von Sydow, Sebastian Hennig + Daniel Zakharov, Urs Primas, Jens Studer, Franziska Schneider / SSP, Brigitte Russ-Scherer, Martine Vledder, Gabriel Lester / Polylester, John Bosch / OZarchitect, Hanna Wolff, Klaus Neumann / Realgrün, Chris Hohenester & Alessandro Cioffi, Regine Geibel / muenchenarchitektur.com, Georg Götze / Götze Hadlich Architekten, Anne Steinberger / BDA Bayern, Sauerbruch Hutton / Matthias Sauerbruch, Louisa Hutton, MEK Rechtsanwälte, Sally Below / SBCA

Komische Oper Berlin
Europäische Kommission
Europäisches Parlament
Schwarzkopf Stiftung
Allianz Kulturstiftung

Fotos © Ruben Dario Kleimeer

 

 

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